Munich Startup: Für welches Problem bietet ihr eine Lösung?
Florian Hüttner, Co-Founder: Der weltweite Fleischkonsum steigt weiterhin massiv an. Gleichzeitig basiert die heutige Fleischproduktion nahezu vollständig auf einem jahrtausendealten System: dem Tier. Dieses System stößt zunehmend an ökologische, ethische und wirtschaftliche Grenzen.
Wir entwickeln deshalb eine automatisierte Produktionsplattform für echten tierischen Muskel, also echtes Fleisch ohne Tierhaltung und Schlachtung. Unser Ansatz soll die klassische Fleischproduktion nicht kurzfristig vollständig ersetzen, sondern Schritt für Schritt ergänzen und entlasten. Entscheidend ist dabei, dass wir nicht einfach Zellmasse herstellen, sondern funktionellen Muskel, also genau das Gewebe, das Fleisch biologisch eigentlich ist. Langfristig sehen wir darin eine neue Form industrieller Muskelproduktion, die ähnlich automatisiert und standardisiert funktionieren kann wie andere moderne Produktionssysteme – nicht nur für tierischen Muskel.
Munich Startup: Was könnt nur ihr Stand heute?
Florian Hüttner: Wir sind nach unserem Kenntnisstand weltweit das einzige Unternehmen, das kontrahierenden Skelettmuskel vom Schwein aus pluripotenten Stammzellen hergestellt hat. Damit haben wir gezeigt, dass echter tierischer Muskel – also echtes Fleisch – ohne Tier grundsätzlich produzierbar ist.
Besonders wichtig ist dabei: Wir haben nicht nur einen wissenschaftlichen Proof-of-Concept erbracht, sondern bereits gemeinsam mit einem industriellen Fleischproduzenten reale Produkte hergestellt. Zusammen mit der Hans Kupfer Group haben wir unseren kultivierten Muskel in Hybridwürstchen integriert und dabei bereits heute 20 Prozent Schlachtfleisch ersetzt – ohne das Produkt in Geschmack, Textur oder Verarbeitung spürbar zu verändern. Das zeigt erstmals, dass echter kultivierter Muskel direkt mit bestehenden industriellen Produktionslinien kompatibel sein kann.
Jahrzehntelange Forschung als Ausgangspunkt
Munich Startup: Was war der Auslöser für die Gründung?
Florian Hüttner: Der Ursprung liegt in der jahrzehntelangen Forschung im Bereich Tissue Engineering an der Universitätsmedizin Göttingen. Dort wurden funktionelle Muskelgewebe ursprünglich für medizinische Anwendungen entwickelt. Irgendwann entstand die zentrale Frage: Wenn man echten funktionellen Muskel im Labor herstellen kann, warum sollte man daraus nicht auch echtes Fleisch produzieren können?
Gleichzeitig wurde deutlich, dass viele Unternehmen im Bereich Cultivated Meat sehr früh auf Skalierung und große Visionen gesetzt haben, obwohl die wissenschaftliche Grundlage oft noch nicht vollständig oder gar nicht gelöst war. Unser Ansatz war deshalb von Anfang an anders: zuerst echten Muskel herstellen, wissenschaftlich sauber und reproduzierbar, erst danach über Skalierung sprechen.
Munich Startup: Gab es einen Moment, in dem ihr ans Aufgeben gedacht habt?
Florian Hüttner: Ja, selbstverständlich. Wir wurden praktisch am Höhepunkt beziehungsweise am Wendepunkt des Hypes rund um Cultivated Meat gegründet. Viele Investoren hatten zuvor enorme Summen in Unternehmen investiert, die vor allem auf Visionen und Pitchdecks aufgebaut waren. Als die technischen Herausforderungen sichtbar wurden, kippte die Stimmung im gesamten Markt. Dadurch wurde es auch für wissenschaftlich tief aufgestellte Unternehmen deutlich schwieriger. Das Problem ist: Wenn andere Unternehmen hunderte Millionen Dollar verbrannt haben, interessiert es Investoren oft zunächst wenig, ob jemand tatsächlich einen wissenschaftlichen Durchbruch erreicht hat.
Dabei sehen wir unsere Ergebnisse als echten Meilenstein. Wir haben gezeigt, dass funktioneller tierischer Muskel aus pluripotenten Stammzellen möglich ist. So etwas lässt sich nicht einfach mit Kapital beschleunigen. Wir sagen oft: Man kann 30 Jahre Forschung nicht einfach mit Geld aufholen.
Automatisierte Herstellung von tierischem Muskel angestrebt
Munich Startup: Woran würdet ihr in einem Jahr erkennen, dass ihr auf dem richtigen Weg seid?
Florian Hüttner: In einem Jahr würden wir daran erkennen, dass sich die Branche weiter konsolidiert hat und nur noch wenige technologisch wirklich relevante Unternehmen übrig sind. Unser nächster großer Meilenstein ist die automatisierte Herstellung von tierischem Muskel. Daran arbeiten wir aktuell intensiv, insbesondere an KI-gestützter Prozesskontrolle und Automatisierung. Wenn wir zeigen können, dass echter Muskel standardisiert, reproduzierbar und zunehmend automatisiert produziert werden kann, wäre das für uns der entscheidende Beweis, dass unser Ansatz funktioniert. Ebenso wichtig wäre es, die richtigen langfristigen Partner und Investoren an Bord zu haben, die verstehen, dass es sich hier um ein Deeptech-Thema mit langfristigem Horizont handelt.
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Myriameat entstand 2022 und entwickelt Technologien zur Herstellung von echtem tierischem Muskelgewebe aus pluripotenten Stammzellen. Das Unternehmen kommt aus dem wissenschaftlichen Umfeld der Universitätsmedizin Göttingen und baut auf mehr als 25 Jahren Forschung in den Bereichen Tissue Engineering und Stammzellbiologie auf. Gegründet wurde Myriameat von Florian Hüttner gemeinsam mit wissenschaftlichen Mitgründern aus Göttingen, darunter Wolfram Zimmermann und Malte Tiburcy. Zu den jüngsten wissenschaftlichen Erfolgen zählt die Entwicklung von Rehmuskelzellen aus pluripotenten Stammzellen – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu kultiviertem Rehfleisch.
Munich Startup: Würdet ihr wieder in München gründen und warum?
Florian Hüttner: Es kommt darauf an. München war für uns zunächst ein logischer Gründungsstandort. Ich selbst lebe in Bayern und München hat international einen starken Ruf als Innovations- und Technologiestandort. Gleichzeitig liegt die wissenschaftliche und operative Basis von Myriameat klar in Göttingen. Dort befinden sich unser Laborumfeld, unsere wissenschaftlichen Wurzeln und die technologische Expertise, auf der das Unternehmen aufgebaut wurde.
Grundsätzlich hat Bayern und insbesondere München ein sehr starkes Startup- und Deeptech-Umfeld mit hervorragenden Universitäten, Netzwerken und Förderstrukturen. Wir hatten auch mit verschiedenen Akteuren aus diesem Umfeld gute Kontakte. Aus unserer Erfahrung hängt vieles aber stark vom jeweiligen Technologiefeld und vom Timing ab. Im Venture-Capital-Umfeld verlaufen Hype-Zyklen oft sehr schnell. Wenn ein Thema medial oder investorenseitig bereits als „verbrannt“ gilt, wird es auch für technologisch starke Unternehmen schwierig – selbst dann, wenn sie wissenschaftlich echte Fortschritte zeigen. Genau das haben wir in unserer Branche erlebt. Viele bekannte Investoren und große Namen haben in der frühen Hype-Phase enorme Summen investiert. Als sich zeigte, wie komplex die Technologie tatsächlich ist, wurde der gesamte Bereich deutlich kritischer betrachtet.
Das hatte aus unserer Sicht weniger mit München als Standort zu tun, sondern vielmehr mit der allgemeinen Marktphase. Unser Timing war in dieser Hinsicht sicherlich herausfordernd. Trotzdem glauben wir weiterhin, dass Deutschland und insbesondere Bayern ein starkes Umfeld für technologiegetriebene Unternehmen bieten – gerade dann, wenn langfristig gedacht wird.
Biotechnologie braucht Zeit
Munich Startup: Bootstrapping oder Venture Capital?
Florian Hüttner: Beides hat Vor- und Nachteile. Wir sind kein klassisches Handels- oder Softwareunternehmen, sondern arbeiten an komplexer biologischer Produktion, Prozessentwicklung und neuer industrieller Infrastruktur. Das benötigt Zeit, Forschung und Kapital. Gleichzeitig hat die Branche in den vergangenen Jahren gelernt, dass man Biotechnologie nicht einfach wie Software skalieren kann. Viele Unternehmen wurden sehr früh auf schnelles Wachstum und große Skalierung ausgerichtet, obwohl die technologischen Grundlagen noch nicht vollständig gelöst waren.
Deshalb geht es aus unserer Sicht weniger um möglichst viel Kapital, sondern vielmehr um die richtigen Partner. Besonders wichtig sind langfristig denkende Investoren, Family Offices oder strategische Industriepartner, die verstehen, dass Deeptech- und Biotechnologieentwicklung andere Zeithorizonte und andere Herausforderungen mit sich bringen als klassische Softwaremodelle. Am Ende entscheidet nicht die Geschwindigkeit der Finanzierung über den Erfolg, sondern ob die Technologie wissenschaftlich und industriell wirklich funktioniert.