Julian Freese, CEO und Gründer von Octoscreen
Fotos: Octoscreen GmbH

Octoscreen: Warum Standortentscheidungen mehr brauchen als Daten

Standortentscheidungen werden immer komplexer: Unternehmen, Investoren und Kommunen müssen Entwicklungen frühzeitig erkennen, um Chancen zu nutzen und Risiken zu vermeiden. Octoscreen analysiert dafür Millionen kommunaler Dokumente und verdichtet die Informationen zu konkreten Handlungsempfehlungen. Im Interview erklärt CEO und Co-Founder Julian Freese, wie daraus ein Frühwarnsystem für Standort- und Investitionsentscheidungen entsteht.

Munich Startup: Welchen messbaren Unterschied macht eure Lösung heute schon?

Julian Freese, CEO und Co-Founder: Der Einzelhandel und die Immobilienbranche stehen vor einem grundlegenden Wandel: Investments funktionieren nicht mehr wie früher quasi automatisch gewinnbringend, jeder neue Standort und jedes Projekt muss heute genau analysiert und durchgerechnet werden. Auch Kommunen und Städte stehen unter Druck: Wer Gentrifizierung verhindern und lebendige, durchmischte Innenstädte erhalten will – und nicht nur noch hippe Coffee Shops an jeder Ecke – braucht belastbare Standortdaten als Entscheidungsgrundlage. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich Octoscreen.

Expansions- und Standortteams bei Einzelhändlern, Projektentwicklern, Asset Managern und Banken verbringen heute noch riesige Teile ihrer Arbeitszeit damit, tausende Ratsinformationssysteme, Amtsblätter und kommunale Portale manuell zu durchforsten auf der Suche nach Standortinformationen, die einen entscheidenden Unterschied machen: Welche Bauprojekte sind in Planung? Welche Entwicklungen beeinflussen Frequenz, Baurecht oder Wettbewerb? Welche Chancen und Risiken verbergen sich in kommunalen Quellen, die heute niemand vollständig überblicken kann?

Genau hier setzen wir an: Wir monitoren täglich über 35.000 Quellen – kommunale Dokumente, Bebauungspläne, Wettbewerberaktivitäten, demografische Veränderungen – und verdichten das zu Entscheidungen, die unsere Kunden vorher entweder gar nicht oder nur mit Monaten Verzögerung treffen konnten. Die Zahlen sprechen für sich: 95 Prozent Zeitersparnis gegenüber manueller Arbeit, dreimal kosteneffizienter, fünfmal treffsicherer  und Veränderungen werden bis zu drei Monate früher erkannt. Konkret: Unternehmen wie Edeka, dm Drogeriemarkt, Norma, Gpep, Ratisbona oder NKD nutzen Octoscreen, um Expansionsentscheidungen, Standortbewertungen und -analysen sowie Wettbewerbsbeobachtung in Echtzeit zu fundieren. Wo früher ein Gutachten mehrere Wochen gedauert hat und ein Team mehrere Tage pro Woche mit reiner Recherche gebunden war, liefert unsere Plattform die Antwort in Minuten – lückenlos, nachvollziehbar und nicht als statische PDF, sondern als laufendes Frühwarnsystem.

Intelligence Layer statt einzelne Reports

Munich Startup: Warum seid ihr schneller, besser oder mutiger als etablierte Anbieter?

Julian Freese: Die etablierten Player verkaufen Daten. Wir verkaufen Entscheidungen. Ein wichtiger Grund dafür: Wir kommen nicht aus der Immobilienwirtschaft und schauen genau deshalb aus einem ganz anderen Winkel auf die Probleme unserer Kunden. Wo klassische Anbieter Tabellen, Karten und Reports liefern und die Interpretation beim Kunden lassen, haben wir einen echten Intelligence Layer gebaut: eine Schicht, die nicht nur zeigt was passiert, sondern warum es passiert und welche Konsequenz daraus folgt. Dazu kommt: Während die meisten Wettbewerber nur einzelne Puzzleteile abdecken, bieten wir als Einzige eine durchgängige Suite, die Einzelhändler, Projektentwickler, Asset Manager und Banken vom Marktscreening über die Standortbewertung bis zur laufenden Bestandsüberwachung entlang ihrer kompletten Wertschöpfungskette begleitet. Und wir sitzen auf einer Datenbasis, die so heute niemand sonst hat: über 80 Millionen gesammelte und KI-analysierte Dokumente aus mehr als 12.000 Kommunen.

Munich Startup: Welche Entscheidung war bisher die wichtigste?

Julian Freese: Die Entscheidung, von Anfang an auf Enterprise-Kunden zu setzen statt auf ein breites SMB-Modell. Das hat uns gezwungen, ein Produkt zu bauen, das wirklich Mission-Critical ist – nicht „nice to have“. Mit Kunden wie Edeka, dm Drogeriemarkt etc. an Bord muss jedes Feature, jede Datenquelle und jeder Service-Level halten, was er verspricht. Diese Disziplin hat uns als Team geprägt und macht unser Produkt heute zu dem, was es ist.

Echtes Marktverständnis als größte Herausforderung

Munich Startup: Welche Phase hat euch am meisten Wachstumsschmerzen bereitet?

Julian Freese: Die größte Herausforderung war, den Markt und die Probleme unserer Kunden wirklich tief zu verstehen und dieses Verständnis in saubere, skalierbare Automatisierung zu übersetzen. Enterprise-Kunden bringen immer individuelle Anforderungen und Sonderwünsche mit, das gehört dazu. Die Kunst war, diese Tiefe für die großen Accounts zu erhalten und gleichzeitig ein Geschäftsmodell zu bauen, das wirklich skaliert. Dazu kommt die schiere Komplexität des Datenprocessings: Über 80 Millionen kommunale Dokumente aus mehr als 12.000 Quellen zu erfassen, zu strukturieren, semantisch zu verstehen und in Echtzeit verfügbar zu machen – das ist eine technische Herausforderung, die man nicht unterschätzen darf. Diese drei Dinge gleichzeitig zu lösen – Marktverständnis, individuelle Enterprise-Anforderungen und hochkomplexes Datenprocessing in ein skalierbares Produkt zu gießen – war die anspruchsvollste Phase. Aber genau dieser Schritt macht uns jetzt schlagkräftig und internationalisierungsfähig.

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Octoscreen GmbH

Octoscreen wurde 2021 von Julian Freese und CTO Barna Kovacs gegründet. Das Startup entwickelt eine KI-gestützte Intelligence-Plattform für Standort-, Expansions- und Investitionsentscheidungen in den Bereichen Einzelhandel, Immobilien und Finanzwirtschaft.
CEO Julian Freese absolvierte einen Master in Entrepreneurship an der Universität Liechtenstein. Bereits 2015 gründete er mit Reachbird eine Influencer-Marketing-Plattform, die 2021 von Adesso SE übernommen wurde. Direkt im Anschluss entstand die Idee zu Octoscreen.

Munich Startup: Wo wollt ihr in fünf Jahren stehen und was muss bis dahin zwingend passieren?

Julian Freese: In fünf Jahren ist Octoscreen die führende Location- und Retail-Intelligence-Plattform in Europa – über Retail hinaus auch in Wohnen, Logistik und Office. Dafür müssen drei Dinge zwingend passieren: Erstens die Internationalisierung in mindestens neun europäische Märkte. Zweitens die Erweiterung um neue Asset-Klassen. Und drittens müssen wir den Anspruch halten, der schnellste und tiefste Datenpartner der Branche zu sein.

Mehr Mut zu risikoreichen Investitionen

Munich Startup: Was funktioniert im Münchner Startup-Ökosystem besonders gut und wo wünscht ihr euch mehr Unterstützung?

Julian Freese: München hat als Startup-Standort eine Menge zu bieten: hervorragender Zugang zu Mitarbeitern und Talenten, dazu ein extrem lebendiges Ökosystem mit nahezu unbegrenzten Angeboten – von Acceleratoren über Events bis hin zu Netzwerken in alle Industrien hinein. Wenn man Enterprise-Software baut wie wir, ist die Nähe zu Industrie und Konzernen ein echter Vorteil, die Entscheider sitzen vor der Tür. Wo ich mir mehr wünsche: weniger Konservativismus auf der Kapitalseite. München ist im Vergleich zu Berlin, London oder den USA noch zurückhaltend, wenn es um risikoreichere Geschäftsfelder geht. Und gerade bei KI-getriebenen Unternehmen, die heute die nächste Generation an Plattformen bauen, hätte ich mir mehr Fokus und mehr Mut zur Investition gewünscht. Da ist Luft nach oben und München hat eigentlich alle Voraussetzungen, hier eine führende Rolle in Europa zu spielen.

Munich Startup: Remote-Team oder Office-Kultur?

Julian Freese: Hybrid mit klarer Office-Präferenz. Wir sind ein kleines, fokussiertes Team und glauben daran, dass die besten Ideen im persönlichen Austausch entstehen – gerade in der Phase, in der wir gerade sind. Gleichzeitig arbeiten wir mit internationalen Talenten zusammen und nutzen die Vorteile von Remote dort, wo sie wirklich Sinn ergeben. Dogma in die eine oder andere Richtung halte ich für Quatsch.

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