Häufig konzentriert sich die internationale Startup-Aufmerksamkeit auf wenige globale Megahubs, doch der aktuelle Dealroom-Index zeigt etwas anderes. Europas Stärke liegt zunehmend in spezialisierten Tech-Ökosystemen mit hoher Innovationsdichte. So gewinnen neben London, Paris und Stockholm vor allem forschungsnahe Standorte wie Cambridge, Lausanne oder München an Bedeutung.
Dabei misst Dealroom nicht nur die absolute Größe eines Startup-Standorts, sondern die Innovationsleistung relativ zur Bevölkerungsgröße. Bewertet werden unter anderem Startup-Aktivität, Unicorns, Unternehmenswerte sowie die Vernetzung mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen.
Deutschland gewinnt bei Deeptech und strategischen Technologien an Bedeutung
Mit Blick auf Deutschland zeigt der Global Tech Ecosystem Index, dass die hiesigen Tech-Ökosysteme international an Dynamik gewinnen, insbesondere durch Europas stärkeren Fokus auf Deeptech, strategische Autonomie und forschungsbasierte Innovationen.
Laut Dealroom unterstreichen die Ergebnisse, dass Deutschland seine Position bei Technologien der nächsten Generation ausbaut. Und das in einem zunehmend intensiven Wettbewerb zwischen den USA, Europa und China.
München etabliert sich als europäischer Defencetech- und Deeptech-Hub
Besonders erfreulich für Deutschland dürfte das europäische Ranking der „Density Leaders“ sein, denn München landet in dieser Kategorie hinter Cambridge, London, Stockholm und Gent auf Platz fünf. Damit gehört die Stadt laut Dealroom zu den produktivsten Innovationsökosystemen Europas gemessen an der Einwohnerzahl.
Und auch in anderen Kategorien kann sich die Platzierung der Landeshauptstadt Bayerns sehen lassen. Im globalen Gesamtranking erreicht München Platz 24 sowie Rang 19 unter den weltweiten „Density Hubs“. Berlin liegt im globalen Vergleich auf Platz 22 und bleibt einer der wichtigsten europäischen Standorte für KI, Fintech und Unternehmenssoftware.
Ausschlaggebend dafür ist vor allem die Dynamik im Bereich Deeptech und Defencetech. Unternehmen wie Helsing oder Arx Robotics sammelten laut Dealroom allein im vergangenen Jahr zusammen mehr als 650 Millionen Euro ein. Damit entwickelt sich München zunehmend zu einem zentralen Standort für sicherheitsrelevante Technologien und industrielle Innovationen in Europa.
Hinzu kommen die enge Verzahnung mit Forschungseinrichtungen wie der TU München, ein starker Ingenieursfokus sowie die industrielle Basis in Bayern. Gerade diese Kombination aus akademischer Forschung, Kapital und Industriepartnerschaften unterscheidet München von vielen klassischen Consumertech-Hubs.
Jan-Hendrik Boelens, Mitgründer und CEO von Alpine Eagle, sieht darin einen strukturellen Vorteil des Standorts:
„München hat sich rasch zu einem wichtigen Knotenpunkt für Europas nächste Generation von Verteidigungs- und Deeptech-Unternehmen entwickelt. Was dieses Ökosystem so einzigartig macht, ist die Kombination aus ingenieurwissenschaftlichem Talent, fortschrittlicher Fertigung und der wachsenden Erkenntnis, dass der Kontinent mehr eigene strategische Fähigkeiten aufbauen muss. Die Stadt profitiert zudem von ihrer Nähe zur Technischen Universität München, einer der weltweit führenden technischen Hochschulen, die dazu beiträgt, einen starken Nachschub an technischen Fachkräften zu sichern. Für Alpine Eagle bedeutet das Wachstum hier, dass wir schnell skalieren können und gleichzeitig eng mit den industriellen und technologischen Grundlagen verbunden bleiben, die Europa benötigt, um seine langfristige Sicherheit und Souveränität zu stärken.“
Doch wie sieht es eigentlich im Rest Europas aus?
Im gesamteuropäischen Vergleich übernimmt London wieder die Spitzenposition unter Europas Tech-Ökosystemen und verdrängt Paris vom ersten Platz. Die britische Hauptstadt liegt weltweit auf Rang vier der „Global Champions“.
Treiber des Wachstums sind vor allem massive Investitionen in künstliche Intelligenz. 2025 flossen laut Dealroom über 6 Milliarden Euro (rund 7 Milliarden Dollar) in Londoner KI-Startups. Eine satte Steigerung, wenn man bedenkt, dass es im Vorjahr noch knapp 3,3 Milliarden Euro (3,9 Milliarden Dollar) waren. Insgesamt sammelten Tech-Unternehmen in London zuletzt über 15 Milliarden Euro (17,8 Milliarden Dollar) ein. Das ist gegenüber 2024 ein Plus von 45 Prozent.
Paris bleibt dennoch einer der wichtigsten europäischen KI-Standorte. Die französische Hauptstadt kam zuletzt auf fast 4,3 Milliarden Euro (fünf Milliarden Dollar) Venture-Capital-Finanzierungen und beherbergt Unternehmen wie Mistral oder Mirakl.
Europas Wettbewerbsvorteil liegt in Forschung und Spezialisierung
Auffällig am diesjährigen Ranking ist die geografische Breite europäischer Innovationszentren. Anders als in den USA konzentriert sich die europäische Startup-Landschaft nicht ausschließlich auf wenige dominante Zentren.
Stattdessen entstehen leistungsfähige Ökosysteme häufig rund um Universitäten, technische Talente und spezialisierte Industrien. Laut Dealroom profitieren insbesondere Bereiche wie KI, Biotech, Climatetech, Advanced Manufacturing und Defencetech von dieser engen Verzahnung aus Forschung, Industrie und Unternehmertum.
Neben etablierten Hubs gewinnen zudem neue Standorte an Dynamik. In der Kategorie „Rising Stars“ nennt Dealroom unter anderem Istanbul, Kiew, Zagreb, Athen und Sofia.
Bayerns Digitalministerium sieht „digitales Kraftzentrum Europas“
Bayerns Digitalminister Fabian Mehring bewertet die Entwicklung als Erfolg der bayerischen Hightech-Strategie. München entwickle sich „rasch zu einem digitalen Kraftzentrum Europas“, so Mehring. Ausschlaggebend seien unter anderem KI-Investitionen, Spitzenforschung und ein wachsendes Innovationsökosystem.
Auch InvestorInnen sehen darin einen strukturellen Wandel. Bobby Jäckle, Partner bei Visionaries, betont die zunehmende europäische Zusammenarbeit bei strategischen Technologien.
„Europas Stärke im Technologiebereich beruhte noch nie auf einer einzigen Stadt oder einem einzigen Land. Sie beruht vielmehr auf der Tiefe und Vielfalt der Ökosysteme, aus denen sich auf dem gesamten Kontinent global relevante Unternehmen entwickeln. […] Besonders spannend ist, wie Europas technische Talente, seine Forschungsstärke und seine industrielle Basis zusammenkommen, um den Kontinent zu einer ernstzunehmenden Kraft in den Bereichen KI, Software und strategische Technologien zu machen.“
Der „Dealroom Global Tech Ecosystem Index“ bewertet Städte anhand von drei Kriterien: „Global Champions“ (Größe), „Density Leaders“ (Pro-Kopf-Leistung) und „Rising Stars“ (Wachstum) und bietet so einen vielschichtigen Überblick über die globale Innovationslandschaft.
Der diesjährige Index bewertet 315 Tech-Ökosysteme in 77 Ländern. Im Vorjahr waren es noch 288 Städte, was die anhaltende Expansion globaler Innovationszentren widerspiegelt. Die Methodik konzentriert sich auf Risikokapitalinvestitionen, die Wertschöpfung von Unternehmen, Einhörner, die Dynamik des Ökosystems und Verbindungen zu Universitäten.
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