Wer in San Francisco eine Launch Party schmeißt, denkt vielleicht an Craft Beer, Kombucha oder Natural Wine. Das Gründerteam von Clera entschied sich für etwas anderes: 9.000 Dosen Paulaner Spezi. Geliefert wurden sie direkt ins neue Hackerhouse des Startups in San Francisco — als ziemlich klare Ansage, wo die Wurzeln des Unternehmens liegen. Denn auch wenn Clera heute aus Kalifornien heraus den US-Markt erobern will, beginnt die Geschichte des Startups in München.
Sebastian Scott und Alexander Farr lernten sich während ihres Masterstudiums an der TU München kennen. Nach dem Studium zog es beide fast zeitgleich nach Berlin, wo sie Daniel Wintermeyer kennenlernten, den heutigen CTO von Clera. Aus regelmäßigen Treffen, geteilten Frustrationen und ähnlichen Gründungsambitionen entstand schließlich ein Unternehmen, das eine der größten Baustellen des Arbeitsmarkts angehen will: Recruiting.
Bevor Clera jedoch in San Francisco landete, führte der Weg des Teams erst einmal durch Lateinamerika. Ein Jahr lang zog das Team gemeinsam in einem Hackerhouse von Lima über Brasilien, Mexiko, Argentinien und Kolumbien bis in die USA. Für die Gründer war diese Zeit nicht nur skurril, sondern auch prägend: Arbeiten, leben, bauen — alles gleichzeitig, alles auf engem Raum. Die 9.000 Dosen Spezi in San Francisco waren damit fast schon die logische Fortsetzung dieser Reise: ein Stück bayerische Heimat mitten im Silicon Valley.
Ein KI-Agent als persönlicher Headhunter
Hinter den Anekdoten steht ein ambitioniertes Produkt. Clera entwickelt einen KI-Talent-Agenten, der KandidatInnen repräsentieren und direkt mit passenden Unternehmen zusammenbringen soll. Die Idee: Was klassische Headhunter bisher vor allem für Executive-Rollen leisten, soll mithilfe von KI für deutlich mehr Menschen zugänglich werden.
„Mich hat schon lange beeindruckt, wie hilfreich klassische Headhunter sein können und welchen Mehrwert sie für KandidatInnen und Unternehmen schaffen“,
sagt Co-Founder Sebastian Scott im Interview mit Munich Startup. Das Problem sei jedoch, dass diese individuelle Begleitung heute fast ausschließlich Führungskräften vorbehalten sei. Alle anderen müssten sich durch generische Jobplattformen klicken, Lebensläufe anpassen, Bewerbungsformulare ausfüllen und in oft unpersönlichen Prozessen darauf hoffen, überhaupt gesehen zu werden.
Clera will diesen Prozess umdrehen. Statt KandidatInnen durch Bewerbungsfunnels zu schicken, soll der KI-Agent ihre Ziele, Präferenzen und Karrierepläne verstehen. Die Kommunikation läuft über Kanäle, die die NutzerInnen ohnehin verwenden: E-Mail, iMessage und WhatsApp. Erkennt Clera eine passende Gelegenheit, stellt der Agent den direkten Kontakt zu GründerInnen oder Hiring Managern her, nicht zu einem anonymen Bewerbungsportal.
3 Millionen Dollar für die nächste Recruiting-Wette
Für diesen Ansatz hat Clera nun eine Pre-Seed-Finanzierung in Höhe von 3 Millionen Dollar eingesammelt. Lead-Investor ist der Silicon-Valley-Fonds 1984 Ventures, der nach Angaben des Unternehmens besonders viel Erfahrung mit Personalmarktplätzen mitbringt. Das Kapital soll Clera dabei helfen, das Angebot auf weitere Rollen und Branchen auszubauen und zusätzliche Tools für beide Seiten des Marktplatzes zu entwickeln.
Die frühen Zahlen zeigen, warum InvestorInnen auf das Modell setzen: Clera repräsentiert nach Angaben der Gründer inzwischen mehr als 85.000 KandidatInnen in den USA und Europa sowie über 600 Tech-Unternehmen. Zudem hat das Startup bereits die Marke von 1 Million Dollar annualisiertem Umsatz überschritten.
Dabei war der Start alles andere als einfach. Vier Monate dauerte es, bis Clera die erste Person erfolgreich vermitteln konnte.
„Vier Monate, in denen man kontinuierlich daran zweifelt, ob man eigentlich alles falsch macht“,
beschreibt Scott die Anfangszeit. Erst danach fand das Team den Hebel, der das Modell skalierbar machte.
Recruiting ist bislang vor allem für Arbeitgeber gebaut
Clera setzt an einem Markt an, der durch KI gerade massiv in Bewegung gerät. Viele neue Recruiting-Tools automatisieren heute bereits Sourcing, Screening oder Matching — allerdings meist aus Sicht der Arbeitgeber. Unternehmen erhalten bessere Werkzeuge, um KandidatInnen zu finden, vorzusortieren und zu bewerten. Die Seite der KandidatInnen hingegen blieb lange unterversorgt.
Genau dort sieht Clera die Lücke. Viele Professionals seien nicht aktiv auf Jobsuche, aber offen für eine wirklich passende Gelegenheit. Sie wollen nicht durch Jobboards scrollen oder automatisierte Screening-Prozesse durchlaufen. Sie würden sich aber bewegen, wenn ihnen die richtige Rolle zur richtigen Zeit und auf glaubwürdige Weise vorgestellt wird.
Scott formuliert die Vision entsprechend groß: Zum ersten Mal sei es möglich, jedem Menschen einen persönlichen Headhunter zur Seite zu stellen — nicht als hochpreisige Einzeldienstleistung, sondern skalierbar durch KI.
München als Ausgangspunkt, San Francisco als Beschleuniger
Dass Clera heute in San Francisco sitzt, hat vor allem strategische Gründe. Der erste Kunde des Startups war ein US-Unternehmen. Damit war für das Team früh klar, dass ein großer Teil des Marktes in den USA liegt. San Francisco bietet aus Sicht der Gründer die Nähe zu KI-Technologie, schnell wachsenden Startups und InvestorInnen.
„Für uns sind es drei Punkte: Marktgröße, Technologie und Kultur. Der Markt ist für uns einfach attraktiver und wächst rasant. Gleichzeitig wollen wir nah an den führenden KI-Unternehmen und Researchern sein, um technische Fortschritte früh zu beobachten und unmittelbar ins Produkt zu übersetzen“
erzählt Scott. Auch die Gründerkultur im Silicon Valley passe zum eigenen Arbeitsrhythmus. Clera habe von Anfang an sehr intensiv gearbeitet. In San Francisco treffe das Team viele GründerInnen, die mit einem ähnlichen Ambitionslevel unterwegs seien. Das präge.
Trotzdem bleibt der Münchenbezug mehr als eine biografische Fußnote. Die Gründer lernten sich im Umfeld der TU München kennen, ihre gemeinsame unternehmerische Geschichte begann in Deutschland und selbst beim Launch in Kalifornien inszenierte Clera seine bayerischen Wurzeln sichtbar. Aus einem Studium in München wird ein Unternehmen, das im Silicon Valley antritt, um Recruiting neu zu denken.
Vom Lernen auf die harte Tour zum skalierbaren Produkt
Die größte Herausforderung lag für Clera nicht nur in der Technologie, sondern im Verständnis der Branche. Zwar brachten die Gründer bereits Recruiting-Erfahrung mit: Alexander Farr führte bei Superchat mehr als 800 Interviews, Daniel Wintermeyer war Head of Engineering beim HR-Tech-Unternehmen Lofino. Dennoch musste das Team Headhunting von Grund auf lernen.
Die wirklichen Nuancen erschließen sich laut Scott erst, wenn man selbst vermittelt: Welche KandidatInnen passen wirklich zu welchen Rollen? Wann ist eine Einführung relevant? Wie baut man Vertrauen auf beiden Seiten auf? Wie verhindert man, dass Automatisierung am Ende nur mehr Lärm erzeugt?
Bis heute spricht das Team wöchentlich mit Headhuntern, Recruitern und KandidatInnen, um das Produkt weiterzuentwickeln. Denn Cleras Anspruch ist nicht, einfach mehr Bewerbungen zu erzeugen. Der KI-Agent soll nur dann Verbindungen herstellen, wenn sie für beide Seiten sinnvoll sind.
Ein Agent, der Interessen vertreten soll
Damit unterscheidet sich Clera auch im Selbstverständnis von klassischen Jobplattformen. Das Startup will nicht nur offene Stellen aggregieren oder Profile sortieren. Der Agent soll KandidatInnen tatsächlich vertreten — also ihre Ziele kennen, passende Chancen identifizieren und sie direkt in relevante Gespräche bringen.
Für KandidateInnen bedeutet das im besten Fall: kein Bewerbungstrichter, keine wochenlange Wartezeit, keine anonyme Absage aus einem System. Stattdessen eine warme Einführung zu einer Person, die entscheiden kann. In der Praxis sollen KandidatInnen laut Unternehmen oft schon innerhalb weniger Stunden nach einer Vorstellung erste Interviews erhalten.
Für Unternehmen wiederum verspricht Clera Zugang zu Talenten, die nicht aktiv suchen, aber für die richtige Rolle offen sind. Gerade für wachstumsstarke Startups kann das entscheidend sein, weil viele der besten KandidatInnen nicht auf Jobboards unterwegs sind.
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