Sherif Elsayed (CEO) und Marcel Winzen (CFO/COO) beim Notartermin zur Gründung der GmbH im Februar 2026
Foto: Omega Space Technology

Omega Space Technology will Hagelschäden per Satellit in 72 Stunden regulieren

Satellitendaten gibt es längst im Überfluss. Doch in der Landwirtschaft und bei Versicherungen fehlt oft genau die Auflösung und Geschwindigkeit, die für konkrete Entscheidungen nötig wäre. Das Münchner Startup Omega Space Technology will diese Lücke mit Software, die frei verfügbare ESA-Daten automatisch in Schadensberichte, Bewässerungsvorschläge und operative Handlungsempfehlungen übersetzt, schließen. Parallel arbeitet das Unternehmen bereits an einer eigenen Satellitenkonstellation namens „KingTut“, die ab 2029 speziell für Agrar- und Versicherungsanwendungen eingesetzt werden soll.

Munich Startup: Für welches Problem bietet ihr eine Lösung?

Marcel Winzen, CFO/COO und Mitgründer: Satellitendaten sind heute paradox: Es gibt sie kostenlos im Überfluss, aber die Auflösung der freien Daten reicht nicht für Präzisionsanwendungen, und kommerzielle hochauflösende Bilder sind so teuer, dass sie für Routine-Monitoring in der Landwirtschaft unbezahlbar sind. Wir nennen das die „missing middle“. Für eine Hagelversicherung bedeutet das aktuell: Nach einem Sturm fahren Sachverständige tagelang von Feld zu Feld, eine einzige Begehung kostet 500 bis 1.000 Euro. Für einen Großbetrieb in Afrika heißt es: Bewässerungsentscheidungen für hunderte Pivots werden nach Bauchgefühl getroffen.

Omega übersetzt Satellitendaten in fertige Entscheidungen – nicht in Bilder. Eine Versicherung bekommt von uns einen Schadensbericht, nicht ein Radar-Bild. Ein Landwirt bekommt eine Bewässerungsvorschrift, die direkt in die Steuerung seiner Beregnungsanlage läuft, nicht eine Tabelle mit Vegetations-Indizes. Und das Entscheidende: Diese Übersetzungsleistung erbringen wir heute schon – auf Basis frei verfügbarer Copernicus-Satellitendaten der ESA. Unsere eigene Konstellation kommt später; das Geschäft läuft jetzt.

Omega liefert Entscheidungen statt Rohdaten – auf Basis kostenloser ESA-Satellitenbilder

Munich Startup: Was könnt nur ihr Stand heute?

Marcel Winzen: Drei Dinge in dieser Kombination:

Erstens haben wir am 29. April 2026 eine Patentanmeldung für unseren Schadensdetektions-Algorithmus eingereicht. Das Besondere: Unser Verfahren ist vollständig deterministisch – keine Black-Box-KI, sondern ein nachvollziehbarer Schwellwert-Vergleich auf Radar-Daten. Das klingt unscheinbar, ist aber regulatorisch entscheidend: Versicherer unterliegen der BaFin und dem EU AI Act, der automatisierte Schadensregulierung als High-Risk-Anwendung einstuft. Wer dort eine KI einsetzt, deren Entscheidungen sich im Audit nicht herleiten lassen, schafft sich regulatorische Hürden. Unser Ansatz ist von vornherein anders gebaut – jede Klassifikation ist zurückführbar auf einen kalibrierten Schwellwert.

Zweitens haben wir validierte Pilotpartnerschaften, die das Konzept in der Praxis bestätigt haben – mit Vereinigte Hagel sind wir aktuell in der Vertragsverhandlung für die Saison 2026, bei einem Großbetrieb in Afrika haben wir auf 1.000 Hektar 20 Prozent Wasser- und Energieeinsparung demonstriert.

Drittens entwickeln wir parallel die KingTut-Satellitenkonstellation für 2029. Die berechtigte Frage: Warum eigene Satelliten, wenn wir doch heute schon mit kostenlosen Daten liefern? Drei Dinge sind mit den frei verfügbaren ESA-Daten nicht lösbar. Erstens garantierte Verfügbarkeit nach Sturmereignissen – Versicherer brauchen Daten innerhalb von 72 Stunden, aber genau dann bestellen alle gleichzeitig, und kommerzielle Anbieter priorisieren nach Zahlungsbereitschaft. Zweitens Bewölkung in Nordeuropa, wo unsere deutschen Kunden ihre Felder haben – im Sommer ist der Himmel oft tagelang verhangen. Drittens neue Märkte mit kleineren Strukturen, etwa Kleinbauern oder Obstplantagen, die schlicht eine höhere Auflösung brauchen, als es kostenlos gibt.

KingTut schließt genau diese drei Lücken und ist darüber hinaus von Grund auf für agrarische Anwendungen konzipiert, nicht wie generische Konstellationen, die wahllos die ganze Erde abbilden, davon 70 Prozent Ozean, Wüste und Wald. Das Ergebnis: ein Vielfaches an verwertbaren Daten pro Orbit gegenüber heutigen Lösungen, zu einem Bruchteil der kommerziellen Preise. Die technischen Details hüten wir als Kernteil unserer IP-Strategie – mehr verraten wir, wenn die zweite Patentanmeldung im Kasten ist.

Von Airbus zu Omega: Wie aus Erdbeobachtung ein Startup wurde

Munich Startup: Was war der Auslöser für die Gründung?

Marcel Winzen: Sherif und ich haben uns 2016 an unserem ersten Tag bei Airbus kennengelernt – wir waren über Jahre an denselben Erdbeobachtungssatelliten beteiligt, die später im Orbit jeden Tag Daten zur Erde geschickt haben. Was uns beide zunehmend bewegt hat: Wir sehen, wie viel diese Daten leisten könnten – aber sie kommen bei den Endnutzern oft als Rohbild an, nicht als Entscheidung. Das Problem liegt nicht in den Satelliten, sondern in der „letzten Meile“.

Parallel sehen wir bei Nabta Playa e.V., dem ehrenamtlichen Verein, in dem Sherif und ich seit 2020 aktiv sind, die Bedarfsseite – Erdbeobachtungs-Anwendungen für Landwirtschaft in Afrika, Crop-Klassifizierung, Trockenheits-Monitoring, Gespräche mit Betriebsleitern. Aus dieser Kombination – Inside-Blick auf die Datenseite und Außen-Blick auf die Bedarfsseite – ist die Überzeugung gewachsen, dass es ein eigenes Unternehmen für genau diese Übersetzungsleistung braucht. Ende 2025 haben wir gekündigt, im Februar 2026 die Omega Space Technology GmbH gegründet.

Munich Startup: Gab es einen Moment, in dem ihr ans Aufgeben gedacht habt?

Marcel Winzen: Aufgeben nicht. Aber es gab einen Moment vor wenigen Wochen, als zeitgleich zwei harte Rückmeldungen kamen: Das Förderdarlehen, auf das wir gebaut hatten, wurde nicht bewilligt – mit dem fairen Hinweis, das Geschäftsmodell sei „überladen“. Und parallel haben Vertragsverhandlungen mit einem wichtigen Versicherer-Partner gezeigt, dass unser ursprüngliches Geschäftsmodell zwei oder drei kommerzielle Annahmen zu optimistisch getroffen hatte.

Was am Anfang wie ein Doppelschlag wirkte, hat sich rückblickend als die wichtigsten 48 Stunden des Jahres erwiesen. Beide Rückmeldungen haben uns zur gleichen Erkenntnis gezwungen: Fokus. Wir haben das Geschäftsmodell auf zwei Geschäftsbereiche zurechtgeschnitten und die kommerziellen Modelle gemeinsam mit den Kunden so überarbeitet, dass sie für beide Seiten tragfähig sind – und kommen jetzt mit einem schärferen Plan zurück. Manchmal ist die wertvollste Investorenrunde die, in der man kein Geld bekommt.

Profitabel vor der Seed-Runde: Omegas Plan bis 2028

Munich Startup: Woran würdet ihr in einem Jahr erkennen, dass ihr auf dem richtigen Weg seid?

Marcel Winzen: Operativ: erste profitable Versicherungssaison mit Vereinigte Hagel abgeschlossen, Allianz Agrar im kommerziellen Trial, weitere Pilotpartner für unsere Großbetriebs-Plattform in Afrika und Südeuropa. Strategisch: zweite Patentanmeldung zur KingTut-Architektur eingereicht, Seed-Runde für KingTut in Vorbereitung. Und persönlich: das Team von drei auf fünf bis sechs gewachsen, ohne dass die Kultur darunter leidet, die wir uns aufgebaut haben.

Wenn das alles eintritt, sind wir nicht mehr „three guys with a deck“, sondern ein Software-Unternehmen, das auf eigenen Beinen läuft – und kann die KingTut-Seed-Runde 2027 aus operativer Stärke verhandeln, nicht aus Überlebensdruck.

Munich Startup: Würdet ihr wieder in München gründen und warum?

Marcel Winzen: Ohne zu zögern. Im Umkreis von 30 Kilometern sitzen Airbus, das DLR Oberpfaffenhofen, OHB, Isar Aerospace – das ist Europas dichtestes Raumfahrt-Cluster. ESA BIC Bavaria gibt uns Zugang zu Mentoring und Infrastruktur, die wir uns als Frühphase nie leisten könnten. Gleichzeitig liegt der Pool an KI-Talenten von TUM und LMU direkt um die Ecke, und mit BayStartUP, HTGF und Bayern Kapital sind die wichtigsten frühen Kapitalpartner fußläufig erreichbar.

Was viele unterschätzen: München ist die einzige Stadt in Deutschland, in der man Satelliten-Hardware-Engineering und KI/Software-Talent in einem Lebenslauf finden kann. Ohne diese Mischung gäbe es Omega in dieser Form nicht.

Munich Startup: Bootstrapping oder Venture Capital?

Marcel Winzen: Beides – in dieser Reihenfolge. Unser Downstream-Geschäft, also die Software-Analytik für Versicherer und Großbetriebe, finanzieren wir maximal verdünnungsfrei: Eigenkapital der Gründer, ESA BIC Bavaria, Teilnahme am EIT Food Test Farms Programme zur Validierung in Südeuropa, Wipano-Förderung für die Patentanmeldung, geplant ein KfW-StartGeld. Damit erreichen wir Ebitda-Break-Even 2028 ohne einen Cent Venture Capital.

VC kommt erst, wenn wir es für etwas brauchen, das man nicht aus dem Cashflow finanzieren kann: Die KingTut-Konstellation kostet rund neun Millionen Euro. Dafür planen wir 2027 eine Seed-Runde. Aber das Schöne ist: Bis dahin sind wir profitabel. Wir verhandeln aus einer Position der Stärke, nicht der Notwendigkeit.

Die Lehre für andere Tech-Gründer: Bootstrap so weit es geht – und nimm VC nur dort, wo Hardware oder Geschwindigkeit es zwingend erfordern.

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